Andreas Chwatal, Bataclan, 2016, Collage, Tusche, Papier, 246 x 177 cm
Andreas Chwatal, Bataclan, 2016, Collage, Tusche, Papier, 246 x 177 cm
Andreas Chwatal, S11 Le chien / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 21.2 x 14.4 x 10.1 cm
Andreas Chwatal, S11 Le chien / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 21.2 x 14.4 x 10.1 cm
Andreas Chwatal, S9 Le Nôtre / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 19.3 x 4.6 x 20 cm
Andreas Chwatal, S9 Le Nôtre / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 19.3 x 4.6 x 20 cm
Andreas Chwatal, E20 Lieu de drague, 2015, Keramik
Andreas Chwatal, E20 Lieu de drague, 2015, Keramik
Andreas Chwatal, S4 Le bassin du cygne / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 22.5 x 12.6 x5 cm
Andreas Chwatal, S4 Le bassin du cygne / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 22.5 x 12.6 x5 cm
Andreas Chwatal, S6 Le labyrinthe / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 2-teilig, 38.3 x 39.9 x 25.2 cm
Andreas Chwatal, S6 Le labyrinthe / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 2-teilig, 38.3 x 39.9 x 25.2 cm
Andreas Chwatal, S2 La cite / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 20 x 18.5 x 19.2 cm
Andreas Chwatal, S2 La cité / E20 Lieu de drague, 2015, Keramik, 20 x 18.5 x 19.2 cm
Andreas Chwatal, E20 Lieu de drague, 2015, Keramik
Andreas Chwatal, E20 Lieu de drague, 2015, Keramik

Pariser Szenerien einer Unmöglichkeit von Langeweile. Die Skulpturen von Andreas Chwatal

Pariser Szenerien einer Unmöglichkeit von Langeweile.
Die Skulpturen von Andreas Chwatal

Paris – gemeinsam mit einem Schwan in einem Gewässer schwimmen, als Künstler von Künstlern umgeben leben, Männern beim Duschen zusehen, Labyrinthe durchlaufen, vermummt sein, nackt sein, schlafen, träumen, durch die Tuilerien spazieren, eine Verwandlung beobachten, dem Baum des Wissens begegnen. Wenige Orte regen die Phantasie so intensiv an, wie es die französische Metropole vermag, die so angefüllt ist mit Sehnsüchten nach Glanz und Gefühl, dass die Furcht vor der Enttäuschung als Damoklesschwert über ihr schwebt. Doch auch inmitten ihrer über Generationen angewachsenen Kunstsammlungen und historischen Gebäude- und Gärtenarchitekturen ist der Lärm der Gegenwart deutlich hörbar, eine vielfältige junge Szene trifft sich zum exzessiven Feiern in den Bars des Marais und erwartet gespannt die Abenteuer der Nacht.

Es ist kaum verwunderlich, dass es Andreas Chwatal ausgerechnet an diesen Ort gezogen hat – Paris erfüllt vieles, was für ihn entscheidender Motor seiner künstlerischen Fragestellungen sein kann. Die Stadt ist nicht nur Abbild seines Interesses an theatralen Inszenierungen, seinem Hang zu überladenen Ornamenten und Symbolen, der Anziehungskraft zügelloser Schönheit von Kunst und Architektur; Paris erlaubt ihm gleichzeitig das Eintauchen in eine Halbwelt, die Stadt erfüllt den Drang sich in eine Art Dämmerungszustand zu begeben und sich zwischen äußerlicher Eleganz und innerlicher Hemmungslosigkeit wiederzufinden.

Fasziniert von diesem Kosmos entspinnen sich die Geschichten ausgehend von Paris – Andreas Chwatal überträgt nach seiner Rückkehr die Ideen nun erstmals aus dem Graphischen in die Dreidimensionalität der Skulptur und geht damit einen konsequenten Schritt in seinem Werk weiter. „Lieu de drague“ heißt die Serie der Arbeiten aus Ton, die mit ihrem Überzug anthrazitfarbener Glasur bereits auf den ersten Blick geheimnisvoll, mysteriös wirken und wie in die Nacht getaucht erscheinen. Der Titel verweist auf Treffpunkte der Pariser Schwulenszene, definierte Orte zufälliger Begegnungen, die oftmals im Reiz des scheuen Augenkontaktes verbleiben. „Lieu de drague“, das ist auch die Empfindung einer Momentaufnahme innerhalb des städtischen Raums zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Historie und Gegenwart – Gegenpole, von deren Spannungen auch die Szenerien der Skulpturen von Andreas Chwatal erzählen.

Auf stufigen Sockeln inszeniert, sind die eventuell wiederkehrenden Protagonisten der Skulpturen ihr eigenes Publikum – ein auf dem Sofa sitzender Mann („S 7. La Forteresse“) sieht einem anderen beim Duschen zu („S 14. Les Halles“), einem weiteren beim Durchqueren eines verwunschenen Waldstücks („S 10. Jardin des Plantes“). Oftmals hat man den Eindruck verschiedene Erlebnisse laufen parallel zueinander ab und fügen sich zu einer einzigen Phantasievorstellung zusammen. Und obwohl die Szenen in ihrer Darstellungsform immer einen Realitätsbezug behalten, verbleiben sie doch im Undurchschaubaren. Die permanente Forderung des Betrachters die erzählten Begebenheiten enträtseln zu wollen, bleibt unerfüllbar. So beschreibt es auch ein Text aus Chwatals graphischer Serie „Entgrenzung nach Frankreich“: „Er könnte ihnen aus der Ferne folgen, aber das Dahinter bliebe ihm verborgen wie ein Buch, dessen Zeilen den Blick auf die Seite darunter unmöglich machen. Was folgt, ist die Selbstverständlichkeit eines Woanders, das einfach auftritt.“ („T12 / E21 Entgrenzung nach Frankreich“). In diesem Sinne ist gerade im Verborgenen, im Unergründbaren, im Woanders, die künstlerische Intention der Skulpturen zu erkennen.

Die Beschäftigung mit skulpturalen Arbeiten begründet für das künstlerische Werk Andreas Chwatals eine neue Ebene und dennoch konstruieren sich diese aus einer ähnlichen Herangehensweise wie seine Collagen auf Papier. Denn die Skulpturen verweisen zurück auf die Ideen aus den Zeichnungen und obwohl sich keine dezidierten Vorlagen finden lassen, sind hier viele Konzepte und Motive vorgedacht. Auch formal lässt sich diese Verwandtschaft in den Skulpturen nachvollziehen. Während der Dargestellte in „S 9. Le Notre“ in seiner Körperlichkeit geradezu aus einem Papier herauszuwachsen scheint, verbleibt die Hintergrundzeichnung als schematische Skizze in ihrer flächenhaften Beschaffenheit. Andreas Chwatal spielt mit einer Transformation der Zwei- in die Dreidimensionalität und bearbeitet damit urkünstlerische Prinzipien. Eng verwandt sind die Skulpturen der „Lieu de drague“ mit der etwa zeitgleich entstandenen Zeichnungs- und Textserie „Entgrenzung nach Frankreich“. Die medienübergreifenden Arbeiten beziehen sich aufeinander und verwenden dieselbe Formensprache – ihre größte Gemeinsamkeit besteht allerdings in ihrem zu Grunde liegenden Ideenkosmos, aus dem sie erwachsen sind und dessen Zugang über die Erfahrungen in der Stadt Paris erfolgen kann.
Für Andreas Chwatal öffnet die Übertragung seiner Ideen in skulpturale Arbeiten das Erzählen in eine neue Dimension, indem die Skulpturen den performativen Gedanken seiner Werke verstärken. Es ist zu vermuten, dass dieser Weg nur als Anfang einer Entwicklung zu sehen ist, die noch viel weiter und radikaler gedacht werden wird, um die Grenzen des Kunstschaffens zu hinterfragen und weiter zu dekonstruieren. Nicht mehr weit erscheint ein Aufgang der Erzählungen Andreas Chwatals im Räumlichen.

Susanne M.I. Kaufmann

Andreas Chwatal, Ausstellungsansicht „FAVORITEN III: Neue Kunst aus München“ Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, Courtesy der Künstler
Andreas Chwatal, Ausstellungsansicht „FAVORITEN III: Neue Kunst aus München“ Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, Courtesy der Künstler

Miteinander

Miteinander
»Der Dichter, der die Elemente der Schönheit nur nacheinander zeigen könnte, enthält sich daher der Schilderung körperlicher Schönheit, als Schönheit, gänzlich. Er fühlt es, daß diese Elemente, nacheinander geordnet, unmöglich die Wirkung haben können, die sie, nebeneinander geordnet, haben; […]«
Lessing, Laokoon

Lessing macht in seinem Essay über Laokoon vor allem eine Unterscheidung zwischen Dichtung und bildender Kunst stark: Bildende Kunst stellt die Dinge nebeneinander, Dichtung stellt sie nacheinander in eine zeitliche Abfolge. Er plädiert dafür, dass bildende Kunst – bis auf Ausnahmen – keine zeitlichen Abfolgen darstellen sollte und Dichtung – bis auf Ausnahmen – keine optischen Beschreibungen liefern sollte.
Dichtung solle den Reiz der Dinge zeigen, nicht ihre körperliche Schönheit darstellen. Als Beispiel versucht er sich daran, körperliche Schönheit mit Mitteln der Sprache darzustellen und dieses Vorhaben gleichzeitig ad absurdum zu führen:

»Ihr Mund entzücket, nicht weil von eigentümlichem Zinnober bedeckte Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschließen; sondern weil hier das liebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sich schon, ein Paradies auf Erden eröffnet; weil er es ist, aus dem die freundlichen Worte tönen, die jedes rauhe Herz erweichen.«
Lessing, Laokoon

Für Chwatals Arbeit dürften der eigentümliche Zinnober und die zwei Reihen auserlesener Perlen weniger Abschreckung sein als Inspiration. Aus seiner Bildwelt kennt man Bilder, die geradezu wie Sprachträume wirken: Die schweren Ketten laufen über die Bühne.

Andreas Chwatal, Zug fährt, 2007, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 100 x 70 cm.
Andreas Chwatal, Zug fährt, 2007, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 100 x 70 cm.

Es ist gewissermaßen die Umkehrung eines Bildes, etwa einer mit schweren Ketten behängte Opernsängerin, in ein sprachliches Bild, das dann direkt gezeichnet wird. Eine bildgewordene Metonymie. Man könnte sich von Chwatal ebensogut die Zeichnung eines Gesichts vorstellen, dessen Mund mit Perlenketten gefüllt ist: Die Lippen verschließen zwei Reihen auserlesener Perlen.
Andersherum sind seine Texte geradezu Bildermanufakturen, in denen man beim Betrachten oder Lesen die Entstehung von Chwatals Bildwelten nachvollziehen kann:

»Die ausgestemmte Beuge des linken Arms und die sich um ihn windenden Adern stützten stramm gedrechselt wie das Zierbein eines sich nach oben auffächernden Konsoltischs den Oberkörper und gaben dem rechten Arm wirklich jede Freiheit.«

Der erste Teil des Bildes aus Chwatals Text T03 Die Exotismen_E21, der adrige Arm als Zierbein eines Tisches, wäre – sofern ich zeichnen könnte – einfach in ein Bild umzusetzen, der zweite eher abstrakte Teil des Freiheitgebens schwieriger:

Tillmann Severin, Zierbein
Tillmann Severin, Zierbein

So wird deutlich, dass sich Texte und Bilder in Chwatals Bild-Text-Schwärmen gegenseitig bedingen. In diesem Text mit seinem Zusammenspiel einer sehr konkreten Bildebene, des Tischbeins, und einer sehr abstrakten, des Freiheitgebens, wird noch etwas anderes sichtbar. Einige Bilder Andreas Chwatals wirken allegorisch, ohne, dass man die Allegorie genau auflösen könnte. Könnte ich besser zeichnen, würde ich versuchen, nicht nur das Tischbein in ein Bild zu bringen, sondern auch das Freiheitgeben. Bei der Bildwerdung des abstrakteren Teils würde eventuell ein Bild entstehen, das der allegorischen Wirkung der Chwatalschen Bildwelten in nichts nachstünde. So ergibt sich bei Chwatal ein komplexes Zusammenspiel zwischen dem Ausdruck abstrakter Ebenen, die kaum mehr entschlüsselbar sind und ganz konkreten sprachlichen Übertragungen, die in ihrer Rückübersetzung komische Effekte erzeugen, wie der wild gewordene Polizist im Wald.

Tillmann Severin

B4 Zeltlager / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 71,4 x 100 cm.
Andreas Chwatal, B4 Zeltlager / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 71,4 x 100 cm.
Andreas Chwatal, Ausstellungsansicht „FAVORITEN III: Neue Kunst aus München“ Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, Courtesy der Künstler
Andreas Chwatal, Ausstellungsansicht “FAVORITEN III: Neue Kunst aus München”, Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München, Courtesy der Künstler

Andreas Chwatal – Entgrenzung nach Frankreich

Andreas Chwatal – Entgrenzung nach Frankreich
Challenging Hegel`s notion of the inertia of beauty, its passivity and impotence, Andreas Chwatal questions the postmodernist assumption of the perceived transgressive power of the ugly and obscene as a means to conquer the “real”. The artist paradoxically opts for a truly “post-philosophical” practice, highlighting beauty as the power that enables to deal with reality and using aestheticism to look at problems, rather than look away and pretend they aren`t there. Born in 1982, the artist`s work emerges from a post-postmodernist environment. Understanding the necessity and value of both beauty and ugliness for creation, Andreas Chwatal relies on beauty to break through the ugly, if only for the fact that he “likes beauty better”.

By inverting the opposition – painting beauty when nobody wants to see it – the artist playfully nods to the bias of human perception. This is reflected in the contrast between black and white in his drawings as well as, in a more abstract way, his sculptures.

This year`s paintings of Andreas Chwatal are generally more black than white (with the sculptures displaying a darker, fickle colored shade in-between), prominently featuring basic binary oppositions on different levels (such as the dualisms of black and white or text and artistic works themselves). Considering postmodernism`s obsession with the hierarchical structure of all binary oppositions (with white being perceived as “superior” to black, light preferred to darkness and so on) and its struggle to overcome them, the new darkness can be interpreted in terms of the cultural “other” entering the paintings – a form of embracing the other which ironically reproduces the “new German Willkommenskultur”.

The theme of “Entgrenzung” is also reflected in the presentation, where each sheet is put into a certain context and connects with the paintings located in its immediacy as well as with those farther away. In this way, the tense gaze of the mythological Viking Ragnar Lothbrok is directed not only to the text on its left or the city lying behind it, but also to the darkly idyllic view of the valley, which is the starting point of the whole installation.

The paintings are arranged in the way the images of a dream or the unconscious are; a loose array of images floating over the wall, allowing for an open story.

This arrangement, evoking the schizophrenic nature of the internet, places pictures of `barbaric` violence side by side with a contingent cluster of trivial news, sex, and melodrama. Following this logic of randomness, a football championship or the choice of an actress`s dress are competing for the same amount of attention – and ultimately value – as the atrocities of both terror and the war on terror or the resulting implications for society as a whole.

While the artist is able to determine the arrangement of the individual sheets within the range of his exhibition, he deliberately loses this dominion when the composition dissolves as individual collectors choose a group of paintings, sculptures and / or texts, thereby creating their own story.

On the surface, the aestheticism of the paintings creates a decorative impression which is further intensified by random sprinkles of ornamentation as found in Andreas Chwatal`s “Chinoiseries”. In the 18th century Chinoiseries carried a mere decorative function displaying the acquisition of the other during colonialism. In this sense, Andreas Chwatal`s works are constantly constructing and deconstructing stereotypes that have managed to worm themselves into our collective memory, empowered rather than devitalized by time. Just as the child-like painting of the white horse (which is also a red cape to art) or the occasional medievalism, the Chinoiseries express a vague desire for je ne sais quoi, the unreachable or, as the artist puts it, that which cannot be touched.

However, on the pictorial surface, the aestheticism moves the artist`s paintings within spitting distance of design; an effect boosted by the artist`s attention to details, where the footwear of refugees receives equal attention as the concentration of light in the crowded Hall of Mirrors in Versailles.

Part of the appeal of Andreas Chwatal`s paintings seems to derive from the subtle critique elegantly embedded in the beauty of the details that opens itself only to the careful observer. Causing him to pause, it is exactly the decorative element which decelerates the gaze and, opposing time, invites the viewer to saunter. Confronting him with decidedly naive and only maybe-ironic visions of utopia, Andreas Chwatal`s work celebrates the more tender emotions and longings of the human being while at the same time offering a lot more than that.

Almut Karl

Die schwer gewordenen Augen

Andreas Chwatal, T1 / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Tusche auf Papier, 39,3 x 34,4 cm
Andreas Chwatal, T1 / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Tusche auf Papier, 39,3 x 34,4 cm
SONY DSC
Andreas Chwatal, B20 Schleuser / E21 Entrgenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 32,4 x 29,3 cm
Tillman Severin, Die schwer gewordenen Augen
Tillman Severin, Die schwer gewordenen Augen

Die Geschichte der Augen

Die Geschichte der Augen
Andreas Chwatals schwer gewordene Augen haben kein Gewicht. Ihr Blick ist visionär, nicht körperlich. Er bleibt schwebend und für die gesehenen Körper folgenlos, als wären sie aus Glas. Es findet keine Analyse der Gegend statt, sondern eine Synthese des Blicks. Dinge kommen zusammen, die sonst nicht zusammen gehören, sowohl auf der bildlichen Ebene des Sehens als auch auf Ebene der Sprache.
Der Blick ist dabei nicht eigentlich müde im alltagssprachlichen Sinne von »schweren Augen«, sondern hellwach – dem Maler entgeht kein Detail. Doch sein Blick ist nicht nur auf die umliegende Gegend fokussiert, sondern hört beständig auf Klänge, die weder den Boden berühren noch dem Boden entspringen. Der Ursprung des Brodelns und Pfeifens geht weniger durch die farblosen Perlen im Auge als dass er seinen Ursprung hinter dem Tag hat, am Sehnerv, wo kein Licht hindringt.
In dem trägen Moment, in dem die Klänge der visionären Sprache des Hirns an Gewicht gewinnen, kommt eine Bildebene hinzu, die in eine tanzende Bewegung mit der sichtbaren Welt gerät. Der träge Moment des Sehens kommt einer Verflüssigung des optischen Apparates mit sprachlichen Mitteln gleich. Am Ende erstarrt der sprachlich ausgedehnte Moment, der die Zeit zu glasigen Körperoberflächen verflüssigt, die wiederum ein Bild erzeugen. Dem sprachlosen Bild bleibt seine zeitliche Ausdehnung eingeschrieben. Was sie erzählen ist sichtbar, kann aber nicht mehr entziffert werden.

Tillmann Severin

Andreas Chwatal, B17 Reflections in a golden eye / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 42 x 59,5 cm

Andreas Chwatal, B17 Reflections in a golden eye / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 42 x 59,5 cm

Das Gewicht der Augen

Das Gewicht der Augen
Erwachsene menschliche Augen bringen zusammen etwa 15 Gramm auf die Waage. Wenn ich die Google-App nach Kuhaugen befrage, bekomme ich nur Angebote für das Okular »Kuhauge« von Leitz. Meine Schätzung für ein richtiges Kuhauge tendiert gegen zehn Gramm pro Stück, was nur ungenau ist. Zum einen weil ich keine Gewichte schätzen kann, zum anderen, weil es eine ganze Weile her ist, dass wir im Biologie-Unterricht Kuhaugen seziert haben, was nicht heißt, dass sie gewichtslos waren, nur, dass es nicht darum ging. Unsere Lehrerin hatte Kuhaugen vom Schlachthof geholt, die von Kleingruppen untersucht werden sollten. Als wir in den Fachraum kamen, fanden wir die Augen in rechteckigen Sezierwannen vor, deren Boden mit einer gelben Wachsschicht überzogen war. Das Gewicht prüften wir nicht.

Stattdessen konzentrierten wir uns zunächst darauf, die Lederhaut um die Iris mit einer spitzen Schere zu durchstoßen, woraus der geléeartige Glaskörper uns über die Hände lief. Im Anschluss galt es mit der gleichen Schere die Lederhaut rund um die Iris zu umschneiden, sodass wir den Glaskörper vollständig ausquetschen und die Linse aus dem Augapfel nehmen konnten. Eine transparente Perle. Sie war eigentlich das Faszinierendste am Auge: Fest und gleichzeitig transparent wie Kunststoff, erinnerte sie eher an ein Industrieprodukt als an ein Körperteil. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir mit der Linse der Kuh die Schrift in den schon verschleimten Zeitungen vergrößerten, in der unsere Biolehrerin die Augen vom Schlachthof geholt hatte. Im Gegensatz zu Kunststoffprodukten wurde die Linse aber irgendwann schrumpelig und feucht und verwischte die Druckerschwärze der Zeitung vollständig.

Nachdem wir mit der Linse fertig waren, wandten wir uns wieder dem ausgdrückten schlaffen Augapfel zu, der jetzt den größten Teil seines Gewichts verloren hatten (wir hatten den schleimigen Glaskörper einfach auf den wächsernen Boden der Sezierschalen geschmiert, wo er nun schwamm). Mit dem Finger konnte man vorne, wo wir die Iris herausgeschnitten hatten, eindringen und hinter dem Augapfel mit der Kuppe die Struktur der Netzhaut erfühlen. Im Dunkel dahinter befand sich der knotige Sehnerv, der die Netzhaut mit dem Hirn verband, und, wie unsere Lehrerin sagte, die Bilder erzeugte. Irgendwann, als die Doppelstunde dem Ende entgegen ging, räumten wir Augen und Überreste zusammen und spülten die Sezierwannen. Als die Zeit zuende war, schmissen wir die leichter gewordenen Überreste der Augen in den Biomüll.

Tillmann Severin

IMG_20160530_193533

Andreas Chwatal, B16 / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 32,4 x 29,3 cm

#flakahaliti

Load More