Babylonia Constantinides

Babylonia Constantinides, “Die Kultur der Spaltung:
Radien nuklearer Verstrahlung im Erzählraum”, 2015, Auszug:

Eine Gesellschaft definiert sich über Ausschluss. Auch mentaler Raum strukturiert sich durch Abgrenzung. Die Trennung in Sinn und Unsinn, in Vernunft und Wahn ist eine geschichtliche Konstante. Was Wahnsinn ist, bestimmt die jeweils gültige Vernunft. Der Mechanismus der Isolation schafft einen Leerraum, der zum integralen Bestandteil wird. In ihm bildet sich die Ordnung der Umgebung wie in einem Negativ ab. “Diese Struktur ist konstitutiv für das, was Sinn und Nicht-Sinn ist, oder vielmehr für jene Reziprozität, durch die sie miteinander verbunden sind.” (Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Frankfurt a.M. 1969, S.12) Die Ideologie des Dualismus konkretisiert sich in der Kultur der Spaltung. Der Erfahrung mit Radioaktivität kann sich niemand entziehen. Ihre physikalische Allgegenwart steht in paradoxem Verhältnis zur mentalen Auslagerung aus dem Alltag. Die Kluft zwischen der Reflexion über atomare Technologien und deren Anwendung kann als nukleare Schizophrenie gefasst werden. Die Unzulänglichkeit im Umgang mit Radioaktivität enthüllt die Praxis der Kernspaltung als gesellschaftlich integrierten Wahnsinn.

Die wissenschaftliche Arbeit “Die Kultur der Spaltung: Radien nuklearer Verstrahlung im Erzählraum” erörtert, wie Radioaktivität in der Gesellschaft und den ihr zur Verfügung stehenden Medien verhandelt wird. Die multiple Verschachtelung unterschiedlicher Perspektiven spannt ein Netz aus Korrespondenzen, das die Praxis der Kernspaltung als integrierten Wahnsinn begreift, und lässt sich als Vorwort zur Videoinstallation “Radiation Room” verstehen.

Babylonia Constantinides, „Radiation Room“, 2016, 3-Kanal-Installation, Schriftfolie, Laminat, 43 qm, 9 Min., Installationsskizze
Babylonia Constantinides, „Radiation Room“, 2016, 3-Kanal-Installation, Schriftfolie, Laminat, 43 qm, 9 Min., Installationsskizze

Babylonia Constantinides, “Radiation Room”, 2016
3-Kanal-Installation, Schriftfolie, Laminat, 43 qm, 9 Min.

“Radiation Room” reflektiert den gegenwärtigen Umgang mit nuklearer Technologie. Als 3-Kanal-Projektion in Strahlenform des Atomsymbols entwerfen Found Footage, Elektrosound und ein innerer Monolog die Perspektive nach einer atomaren Apokalypse. Das Rondell im Kunstbau wird zum Kernreaktor und Kontrollraum, zum Verfassungsgericht, in dem die Schadensersatzklage gegen den Atomausstieg verhandelt wird, zur Kanzel, von der aus das Wissen über die Lagerung des radioaktiven Mülls weiter­ge­geben wird und schließlich zur weltumspannenden Röntgen-Röhre. Schwarz spiegelnd öffnet sich der Boden als Abgrund:

“Sieht so aus, als habe die Radioaktivität die Negative selbst entwickelt. Die Geschichte entlädt sich in einer gewaltigen Erschöpfung. Zonen verschwinden in der Masse der Erinnerung. Abgetragene Böden – mit der Fingerspitze vom Bild­schirm gestrichen. Eine Wolke müsste man sein: schwebend über die verstrahlte Erde schweifen. Tourismus im Terrain Vague: Kosmische Kolonien und Urlaub auf dem verbotenen Planeten!” Babylonia Constantinides, “Radiation Room”, Auszug aus dem Off-Text

Babylonia Constantinides, „Radiation Room", 2016, Installationsansicht, Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau
Babylonia Constantinides, „Radiation Room”, 2016, Installationsansicht, Foto: Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau

Als Kernzelle bietet “Radioation Room” den Einstieg zu einer weiteren Arbeit, die von der Stadt München mit dem Projektstipendium “Junge Kunst / Neue Medien” gefördert wird: https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtverwaltung/Kulturreferat/Kulturfoerderung/Stipendien/junge_kunst_neue_medien_kunst/2015.html

Babylonia Constantinides, „Schwarze Spiegel“, Videoparkour, Projektentwurf
Babylonia Constantinides, „Schwarze Spiegel“, Videoparkour, Projektentwurf

Babylonia Constantinides, “Schwarze Spiegel”,
Projektskizze für einen Videoparkour:

Über Kopfhörer und Tablet gibt der geplante Videoparkour die Bewegung durch eine atomar verseuchte Landschaft vor. Kurze Filmsequenzen, die am Aufführungsort inszeniert wurden, und die Erzählstimme des letzten Menschen führen durch den Realraum. Als Schwarze Spiegel machen die Monitore die Relikte der Katastrophe erst sichtbar: Orte der Verwüstung und der Leere, biometrische Ausweise auf beinernen Brüsten und digitale Daten mit den letzten Nachrichten von Verstorbenen. Eine Partitur von Handlungsanweisungen fordert die Interaktion mit der Umgebung. Das Zusammentreffen mit einer anderen Figur löst Angst aus. Der Bildschirm des apokalyptischen Szenarios wird zum Fadenkreuz einer Waffe. Der Gebrauch der Waffe gefährdet das Überleben ebenso wie die Praxis der Kernspaltung. Der Fortgang der Geschichte ist bedroht.