Schönschreiben

Schönschreiben
»›Meine Handschrift ist tadellos. Hierin besitze ich allerdings Talent, und wenn man will, kann man mich vielleicht sogar einen Künstler nennen, was das Schreiben anbelangt. Geben Sie mir ein Blatt Papier, ich werde Ihnen etwas zur Probe schreiben‹, sagte der Fürst, ganz bei der Sache.«
Dostojevskij, Der Idiot

Fürst Myschkin, der Antiheld aus Dostojevskijs Idiot, zeichnet sich nicht nur durch seine liebenswerte Naivität, sondern auch durch seine schöne Handschrift und seine Begeisterung für die »wundervollen Schreibutensilien« des Generals Jepantschin aus.
Schönschreiben hat immer etwas Anachronistisches und Naives an sich, und auch im Anachronistischen liegt eine naive Begeisterung. So erscheint die Begeisterung des Fürsten für die Schreibutensilien dem gegenwärtigen Blick naiv. Handschrift wird im Computerzeitalter höchstens gebraucht, um Arztformulare auszfüllen – und dazu reicht ein Kugelschreiber.
Ein weiterer Grund für diese Wahrnehmung des Schönschreibens könnte sein, dass die Kulturtechnik des Schreibens, deren eigentliche Funktion es ist, Informationen weiterzugeben, hier eine weitere bekommt: schön zu sein. Schöne Handschrift legt den Verdacht nahe, dass es beim Schreiben weniger um den Sinn des Geschriebenen als um die Tätigkeit selbst geht, schöne Schrift mit schönen Utensilien herzustellen – oder die Schrift zu betrachten, ohne ihre Bedeutung wahrzunehmen. Der Fokus des Schönschreibenden liegt scheinbar nicht auf der Produktion von Sinn, sondern auf der Ausführung eines Schreibhandwerks.
Andreas Chwatal schreibt seine Texte nicht mit einer Maschine und entzieht ihnen damit die Möglichkeit, einfach reproduzierbar zu sein. Seine Texte sind Artefakte, die zwar kopiert werden können, aber, anders als etwa bei einem Gedichtband, mit der Kopie an Originalität verlieren.
Auch die Präsentationform an der Wand, möglicherweise sogar in einem Objektrahmen, zeigt, dass es sich hier nicht um gewöhnliche Texte handelt, die gedruckt in ein Buch gehören. Chwatal rückt sie buchstäblich in die Nähe von Bildern und lässt die Betrachter_innen damit zwischen drei Rezeptionsmodi wählen:

1. Sie können als Bilder betrachtet werden, also als Schriftstücke an der Wand, die auf einen lesbaren Sinn verweisen, der aber nicht unbedingt gelesen werden muss.
2. Sie können gelesen werden, ohne dass man beim Lesen den Sinn richtig versteht. Man springt wie beim unkonzentrierten Lesen von Wort zu Wort und stellt am Ende fest, dass man zwar gelesen, aber den Inhalt nicht erfasst hat.
3. Oder sie können im landläufigen Sinne des Wortes gelesen werden – also gelesen und inhaltlich verstanden.

Egal welchen Rezeptionsmodus man wählt, alle verweisen auf die Möglichkeit einer linearen zeitlichen Abfolge, eines Nacheinanders von Wahrnehmung. Im Gegensatz zum Bild, das auf einmal wahrgenommen werden kann, verweist der Text, wie auch immer er gelesen wird, auf eine lineare zeitliche Ausdehnung.
Anders als bei gemalten Bildern entstehen in den gemalten Texten die sprachlichen Bilder nacheinander. Um die ganze Szene, die Chwatal mit seinen Texten aufruft, vor dem inneren Auge zu haben, muss man sie zuerst komplett lesen. Sie entsteht also während der Lektüre im Kopf der Leser_innen.
Auf diese Weise erzeugt Andreas Chwatal durch seine Texte Bilder, die seinen Zeichnungen ähneln, sich aber im Sehen erst entwickeln bzw. von der Leser_in realisiert werden müssen. Der Prozess der Bildwerdung kann von den Leser_innen nachvollzogen werden.
Die Handschrift hat somit zwei Funktionen: Auf der handwerklichen Ebene der anachronistischen, handschriftlichen Gemachtheit verweist sie auf die Naivität und die Freude am spielerischen Umgang mit dem Material. Auf inhaltlicher Ebene vermitteln sie den Leser_innen die Langsamkeit des mußevoll schweifenden Blicks, durch den Chwatals Bildwelten entstehen. Es ist der detaillierte Blick des Malers und der kindlich spielerische Blick, der in den realen Dingen andere, fantastische Dinge sieht, so, wie Kinder Schlösser in Wolken sehen können: Chwatals Texte können letztlich als eine Poetik seiner Bilder gelesen werden.

Tillmann Severin