Pariser Szenerien einer Unmöglichkeit von Langeweile. Die Skulpturen von Andreas Chwatal

Pariser Szenerien einer Unmöglichkeit von Langeweile.
Die Skulpturen von Andreas Chwatal

Paris – gemeinsam mit einem Schwan in einem Gewässer schwimmen, als Künstler von Künstlern umgeben leben, Männern beim Duschen zusehen, Labyrinthe durchlaufen, vermummt sein, nackt sein, schlafen, träumen, durch die Tuilerien spazieren, eine Verwandlung beobachten, dem Baum des Wissens begegnen. Wenige Orte regen die Phantasie so intensiv an, wie es die französische Metropole vermag, die so angefüllt ist mit Sehnsüchten nach Glanz und Gefühl, dass die Furcht vor der Enttäuschung als Damoklesschwert über ihr schwebt. Doch auch inmitten ihrer über Generationen angewachsenen Kunstsammlungen und historischen Gebäude- und Gärtenarchitekturen ist der Lärm der Gegenwart deutlich hörbar, eine vielfältige junge Szene trifft sich zum exzessiven Feiern in den Bars des Marais und erwartet gespannt die Abenteuer der Nacht.

Es ist kaum verwunderlich, dass es Andreas Chwatal ausgerechnet an diesen Ort gezogen hat – Paris erfüllt vieles, was für ihn entscheidender Motor seiner künstlerischen Fragestellungen sein kann. Die Stadt ist nicht nur Abbild seines Interesses an theatralen Inszenierungen, seinem Hang zu überladenen Ornamenten und Symbolen, der Anziehungskraft zügelloser Schönheit von Kunst und Architektur; Paris erlaubt ihm gleichzeitig das Eintauchen in eine Halbwelt, die Stadt erfüllt den Drang sich in eine Art Dämmerungszustand zu begeben und sich zwischen äußerlicher Eleganz und innerlicher Hemmungslosigkeit wiederzufinden.

Fasziniert von diesem Kosmos entspinnen sich die Geschichten ausgehend von Paris – Andreas Chwatal überträgt nach seiner Rückkehr die Ideen nun erstmals aus dem Graphischen in die Dreidimensionalität der Skulptur und geht damit einen konsequenten Schritt in seinem Werk weiter. „Lieu de drague“ heißt die Serie der Arbeiten aus Ton, die mit ihrem Überzug anthrazitfarbener Glasur bereits auf den ersten Blick geheimnisvoll, mysteriös wirken und wie in die Nacht getaucht erscheinen. Der Titel verweist auf Treffpunkte der Pariser Schwulenszene, definierte Orte zufälliger Begegnungen, die oftmals im Reiz des scheuen Augenkontaktes verbleiben. „Lieu de drague“, das ist auch die Empfindung einer Momentaufnahme innerhalb des städtischen Raums zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, Historie und Gegenwart – Gegenpole, von deren Spannungen auch die Szenerien der Skulpturen von Andreas Chwatal erzählen.

Auf stufigen Sockeln inszeniert, sind die eventuell wiederkehrenden Protagonisten der Skulpturen ihr eigenes Publikum – ein auf dem Sofa sitzender Mann („S 7. La Forteresse“) sieht einem anderen beim Duschen zu („S 14. Les Halles“), einem weiteren beim Durchqueren eines verwunschenen Waldstücks („S 10. Jardin des Plantes“). Oftmals hat man den Eindruck verschiedene Erlebnisse laufen parallel zueinander ab und fügen sich zu einer einzigen Phantasievorstellung zusammen. Und obwohl die Szenen in ihrer Darstellungsform immer einen Realitätsbezug behalten, verbleiben sie doch im Undurchschaubaren. Die permanente Forderung des Betrachters die erzählten Begebenheiten enträtseln zu wollen, bleibt unerfüllbar. So beschreibt es auch ein Text aus Chwatals graphischer Serie „Entgrenzung nach Frankreich“: „Er könnte ihnen aus der Ferne folgen, aber das Dahinter bliebe ihm verborgen wie ein Buch, dessen Zeilen den Blick auf die Seite darunter unmöglich machen. Was folgt, ist die Selbstverständlichkeit eines Woanders, das einfach auftritt.“ („T12 / E21 Entgrenzung nach Frankreich“). In diesem Sinne ist gerade im Verborgenen, im Unergründbaren, im Woanders, die künstlerische Intention der Skulpturen zu erkennen.

Die Beschäftigung mit skulpturalen Arbeiten begründet für das künstlerische Werk Andreas Chwatals eine neue Ebene und dennoch konstruieren sich diese aus einer ähnlichen Herangehensweise wie seine Collagen auf Papier. Denn die Skulpturen verweisen zurück auf die Ideen aus den Zeichnungen und obwohl sich keine dezidierten Vorlagen finden lassen, sind hier viele Konzepte und Motive vorgedacht. Auch formal lässt sich diese Verwandtschaft in den Skulpturen nachvollziehen. Während der Dargestellte in „S 9. Le Notre“ in seiner Körperlichkeit geradezu aus einem Papier herauszuwachsen scheint, verbleibt die Hintergrundzeichnung als schematische Skizze in ihrer flächenhaften Beschaffenheit. Andreas Chwatal spielt mit einer Transformation der Zwei- in die Dreidimensionalität und bearbeitet damit urkünstlerische Prinzipien. Eng verwandt sind die Skulpturen der „Lieu de drague“ mit der etwa zeitgleich entstandenen Zeichnungs- und Textserie „Entgrenzung nach Frankreich“. Die medienübergreifenden Arbeiten beziehen sich aufeinander und verwenden dieselbe Formensprache – ihre größte Gemeinsamkeit besteht allerdings in ihrem zu Grunde liegenden Ideenkosmos, aus dem sie erwachsen sind und dessen Zugang über die Erfahrungen in der Stadt Paris erfolgen kann.
Für Andreas Chwatal öffnet die Übertragung seiner Ideen in skulpturale Arbeiten das Erzählen in eine neue Dimension, indem die Skulpturen den performativen Gedanken seiner Werke verstärken. Es ist zu vermuten, dass dieser Weg nur als Anfang einer Entwicklung zu sehen ist, die noch viel weiter und radikaler gedacht werden wird, um die Grenzen des Kunstschaffens zu hinterfragen und weiter zu dekonstruieren. Nicht mehr weit erscheint ein Aufgang der Erzählungen Andreas Chwatals im Räumlichen.

Susanne M.I. Kaufmann