Miteinander

Miteinander
»Der Dichter, der die Elemente der Schönheit nur nacheinander zeigen könnte, enthält sich daher der Schilderung körperlicher Schönheit, als Schönheit, gänzlich. Er fühlt es, daß diese Elemente, nacheinander geordnet, unmöglich die Wirkung haben können, die sie, nebeneinander geordnet, haben; […]«
Lessing, Laokoon

Lessing macht in seinem Essay über Laokoon vor allem eine Unterscheidung zwischen Dichtung und bildender Kunst stark: Bildende Kunst stellt die Dinge nebeneinander, Dichtung stellt sie nacheinander in eine zeitliche Abfolge. Er plädiert dafür, dass bildende Kunst – bis auf Ausnahmen – keine zeitlichen Abfolgen darstellen sollte und Dichtung – bis auf Ausnahmen – keine optischen Beschreibungen liefern sollte.
Dichtung solle den Reiz der Dinge zeigen, nicht ihre körperliche Schönheit darstellen. Als Beispiel versucht er sich daran, körperliche Schönheit mit Mitteln der Sprache darzustellen und dieses Vorhaben gleichzeitig ad absurdum zu führen:

»Ihr Mund entzücket, nicht weil von eigentümlichem Zinnober bedeckte Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschließen; sondern weil hier das liebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sich schon, ein Paradies auf Erden eröffnet; weil er es ist, aus dem die freundlichen Worte tönen, die jedes rauhe Herz erweichen.«
Lessing, Laokoon

Für Chwatals Arbeit dürften der eigentümliche Zinnober und die zwei Reihen auserlesener Perlen weniger Abschreckung sein als Inspiration. Aus seiner Bildwelt kennt man Bilder, die geradezu wie Sprachträume wirken: Die schweren Ketten laufen über die Bühne.

Andreas Chwatal, Zug fährt, 2007, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 100 x 70 cm.
Andreas Chwatal, Zug fährt, 2007, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 100 x 70 cm.

Es ist gewissermaßen die Umkehrung eines Bildes, etwa einer mit schweren Ketten behängte Opernsängerin, in ein sprachliches Bild, das dann direkt gezeichnet wird. Eine bildgewordene Metonymie. Man könnte sich von Chwatal ebensogut die Zeichnung eines Gesichts vorstellen, dessen Mund mit Perlenketten gefüllt ist: Die Lippen verschließen zwei Reihen auserlesener Perlen.
Andersherum sind seine Texte geradezu Bildermanufakturen, in denen man beim Betrachten oder Lesen die Entstehung von Chwatals Bildwelten nachvollziehen kann:

»Die ausgestemmte Beuge des linken Arms und die sich um ihn windenden Adern stützten stramm gedrechselt wie das Zierbein eines sich nach oben auffächernden Konsoltischs den Oberkörper und gaben dem rechten Arm wirklich jede Freiheit.«

Der erste Teil des Bildes aus Chwatals Text T03 Die Exotismen_E21, der adrige Arm als Zierbein eines Tisches, wäre – sofern ich zeichnen könnte – einfach in ein Bild umzusetzen, der zweite eher abstrakte Teil des Freiheitgebens schwieriger:

Tillmann Severin, Zierbein
Tillmann Severin, Zierbein

So wird deutlich, dass sich Texte und Bilder in Chwatals Bild-Text-Schwärmen gegenseitig bedingen. In diesem Text mit seinem Zusammenspiel einer sehr konkreten Bildebene, des Tischbeins, und einer sehr abstrakten, des Freiheitgebens, wird noch etwas anderes sichtbar. Einige Bilder Andreas Chwatals wirken allegorisch, ohne, dass man die Allegorie genau auflösen könnte. Könnte ich besser zeichnen, würde ich versuchen, nicht nur das Tischbein in ein Bild zu bringen, sondern auch das Freiheitgeben. Bei der Bildwerdung des abstrakteren Teils würde eventuell ein Bild entstehen, das der allegorischen Wirkung der Chwatalschen Bildwelten in nichts nachstünde. So ergibt sich bei Chwatal ein komplexes Zusammenspiel zwischen dem Ausdruck abstrakter Ebenen, die kaum mehr entschlüsselbar sind und ganz konkreten sprachlichen Übertragungen, die in ihrer Rückübersetzung komische Effekte erzeugen, wie der wild gewordene Polizist im Wald.

Tillmann Severin