Die Geschichte der Augen

Die Geschichte der Augen
Andreas Chwatals schwer gewordene Augen haben kein Gewicht. Ihr Blick ist visionär, nicht körperlich. Er bleibt schwebend und für die gesehenen Körper folgenlos, als wären sie aus Glas. Es findet keine Analyse der Gegend statt, sondern eine Synthese des Blicks. Dinge kommen zusammen, die sonst nicht zusammen gehören, sowohl auf der bildlichen Ebene des Sehens als auch auf Ebene der Sprache.
Der Blick ist dabei nicht eigentlich müde im alltagssprachlichen Sinne von »schweren Augen«, sondern hellwach – dem Maler entgeht kein Detail. Doch sein Blick ist nicht nur auf die umliegende Gegend fokussiert, sondern hört beständig auf Klänge, die weder den Boden berühren noch dem Boden entspringen. Der Ursprung des Brodelns und Pfeifens geht weniger durch die farblosen Perlen im Auge als dass er seinen Ursprung hinter dem Tag hat, am Sehnerv, wo kein Licht hindringt.
In dem trägen Moment, in dem die Klänge der visionären Sprache des Hirns an Gewicht gewinnen, kommt eine Bildebene hinzu, die in eine tanzende Bewegung mit der sichtbaren Welt gerät. Der träge Moment des Sehens kommt einer Verflüssigung des optischen Apparates mit sprachlichen Mitteln gleich. Am Ende erstarrt der sprachlich ausgedehnte Moment, der die Zeit zu glasigen Körperoberflächen verflüssigt, die wiederum ein Bild erzeugen. Dem sprachlosen Bild bleibt seine zeitliche Ausdehnung eingeschrieben. Was sie erzählen ist sichtbar, kann aber nicht mehr entziffert werden.

Tillmann Severin

Andreas Chwatal, B17 Reflections in a golden eye / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 42 x 59,5 cm

Andreas Chwatal, B17 Reflections in a golden eye / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 42 x 59,5 cm