Das Gewicht der Augen

Das Gewicht der Augen
Erwachsene menschliche Augen bringen zusammen etwa 15 Gramm auf die Waage. Wenn ich die Google-App nach Kuhaugen befrage, bekomme ich nur Angebote für das Okular »Kuhauge« von Leitz. Meine Schätzung für ein richtiges Kuhauge tendiert gegen zehn Gramm pro Stück, was nur ungenau ist. Zum einen weil ich keine Gewichte schätzen kann, zum anderen, weil es eine ganze Weile her ist, dass wir im Biologie-Unterricht Kuhaugen seziert haben, was nicht heißt, dass sie gewichtslos waren, nur, dass es nicht darum ging. Unsere Lehrerin hatte Kuhaugen vom Schlachthof geholt, die von Kleingruppen untersucht werden sollten. Als wir in den Fachraum kamen, fanden wir die Augen in rechteckigen Sezierwannen vor, deren Boden mit einer gelben Wachsschicht überzogen war. Das Gewicht prüften wir nicht.

Stattdessen konzentrierten wir uns zunächst darauf, die Lederhaut um die Iris mit einer spitzen Schere zu durchstoßen, woraus der geléeartige Glaskörper uns über die Hände lief. Im Anschluss galt es mit der gleichen Schere die Lederhaut rund um die Iris zu umschneiden, sodass wir den Glaskörper vollständig ausquetschen und die Linse aus dem Augapfel nehmen konnten. Eine transparente Perle. Sie war eigentlich das Faszinierendste am Auge: Fest und gleichzeitig transparent wie Kunststoff, erinnerte sie eher an ein Industrieprodukt als an ein Körperteil. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir mit der Linse der Kuh die Schrift in den schon verschleimten Zeitungen vergrößerten, in der unsere Biolehrerin die Augen vom Schlachthof geholt hatte. Im Gegensatz zu Kunststoffprodukten wurde die Linse aber irgendwann schrumpelig und feucht und verwischte die Druckerschwärze der Zeitung vollständig.

Nachdem wir mit der Linse fertig waren, wandten wir uns wieder dem ausgdrückten schlaffen Augapfel zu, der jetzt den größten Teil seines Gewichts verloren hatten (wir hatten den schleimigen Glaskörper einfach auf den wächsernen Boden der Sezierschalen geschmiert, wo er nun schwamm). Mit dem Finger konnte man vorne, wo wir die Iris herausgeschnitten hatten, eindringen und hinter dem Augapfel mit der Kuppe die Struktur der Netzhaut erfühlen. Im Dunkel dahinter befand sich der knotige Sehnerv, der die Netzhaut mit dem Hirn verband, und, wie unsere Lehrerin sagte, die Bilder erzeugte. Irgendwann, als die Doppelstunde dem Ende entgegen ging, räumten wir Augen und Überreste zusammen und spülten die Sezierwannen. Als die Zeit zuende war, schmissen wir die leichter gewordenen Überreste der Augen in den Biomüll.

Tillmann Severin

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Andreas Chwatal, B16 / E21 Entgrenzung nach Frankreich, 2016, Pinsel, Tusche, laviert auf Papier, 32,4 x 29,3 cm