Vom Feinen zum Groben (Teil 3)

Vom Feinen zum Groben (Teil 3)

Heute: Können Büropflanzen wirklich sterben? Über einige Fotografien die als Beiwerk zu einer Ausstellung entstanden sind.

 

img_9884Foto: C. Nolte

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Schöne Büropflanze “Schefflera arboricola”

Artikelnummer: C120

49,00 €

inkl. 19% MwSt, zzgl. Versandkosten

Menge 1

Zustand: Gut

Farbe/Dekor: grün

Eigenschaften:

Auf Lager: 30

Höhe: ca. 160 – 265 cm

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Diese Artikelbeschreibung gehört wirklich zu der oben abgebildeten Pflanze, die man im Internet kaufen, sich zusenden, oder auch an jenem Ort besichtigen und abholen kann, wo ich einmal Verkaufsdisplays für eine Ausstellung kaufen wollte. Es handelt sich hierbei um eine Lagerhalle in der Peripherie Münchens. Über mehrere Stockwerke, die vollgestellt mit deutschlandweit aufgekaufter Konkursmasse sind, hat man die Wahl der Qual: “Chefbüros” in ausgesuchten Tropenhölzern; in beruhigenden Farben gehaltenen und variabel einsetzbare Raumteiler; Unmengen an Verkaufsdisplays, die von aufgelösten Shoppingcentern stammen, oder wie wäre es mit Whiteboards mit den letzten Einträgen kurz vor der Geschäftsauflösung? Es gäbe auch einen bunten Blumenstrauß an Kunstwerken oder Dekoartikeln, je nach Geldbeutel. Der Konkurs ist der gemeinsame Nenner dieser schrecklichen Versammlung und es werden hier alle Register der renovativen Methodik gezogen, um die Geschichte in Form von Gebrauchsspuren zu eleminieren.

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Foto: C. Nolte

In der Kategorie “sonstige Büroausstattung” findet man die hier von mir abgelicheteten Büropflanzen. Sie scheinen auch unter diesen Bedingungen prächtig weiterzuwachsen. Sicherlich haben sie durch ihren nachweislich positiven Effekt auf den arbeitenden Menschen, die Stimmung in dieser Halle spürbar aufgeheitert. Und es ist leicht vorstellbar, dass die Pflanzen mittlerweile viel zu groß geworden sind, um noch einmal umzuziehen.

 

img_9941Foto: C. Nolte

Aber kommen wir zu dem Punkt meines Anliegens. Ich war ja auf der Suche nach Verkaufsdisplays. Die Geschichte der Objekte interessiert mich dabei ebenso wie die funktionalen Eigenschaften der Displays, die man sich gerne als formgewordene Quellen der Idee des unendlichen Warenflusses vorstellen darf. Deshalb ist es wichtig genügend Regalauffüller einzustellen, damit über den Leerstellen nicht zuviel nachgedacht werden muss. Die vielen kleinen Tode, die der Kapitalismus in Form von Konkursen stirbt, sind, wie man hier sieht, gar keine Tode mehr, sondern Wiederauferstehungen. Es gibt dieses Ende nicht!

 

Erlöserkirche München, Carsten Nolte
with nothing but lick and a promise, 2014, Erlöserkirche München, Foto: S. Wameser

Das Ergebnis meiner Suche war dann dieser Kleiderständer, den ich unverändert in die Apsis neben dem Taufstein stellen durfte. In einer katholischen Kirche hätte ich so ein doppelbödiges Objekt sicher nicht an so einen prominenten Platz stellen können. Man beachte die verchromte Stange im oberen Teil des kreuzförmigen Displays.

Weitere Bilder und Infos zu der Ausstellung findet ihr hier

Und wer sich weitergehend mit dem Ende des Kapitalismus beschäftigen möchte, kann sich mit Wolfgang Streeks Einschätzungen dazu auseinandersetzen. Wolfgang Streecks Aufsätze zum Ende des Kapitalismus, erschienen im Frühjahr 2015 in den Blättern für deutsche und internationale Politik:

Teil 1 , Teil 2