Vom Feinen zum Groben (Teil 2)

 

Vom Feinen zum Groben (Teil 2)

Heute: ein Bruchstück von dem Material zu der Ausstellung im Lenbachhaus.

cof

 

Vor ca. 4 Jahren begegnete mir derartiges Material schon einmal am Straßenrand. Jemand hatte Teile seiner Geschäftseinrichtung entsorgt. Darunter auch ein Leuchtkasten, der ähnlich, wie das für das Lenbachhaus ausgesuchte Material, von der Sonne farblich transformiert war. Ich war sogleich von der Ästethik hingerissen. Ich mag es ja sehr gerne, wenn ich zu Dingen komme, die allein durch die Zeit und durch den Gebrauch von  Menschen, geprägt wurden. Ich dachte mir bei meiner Einladung zu der Favoriten Ausstellung, dass ich an diese Arbeit weiter anknüpfen sollte, denn das besagte Stück, dass ich am Straßenrand gefunden hatte, wurde ja bereits in die Sammlung des Lenbachhauses aufgenommen. Macht es da nicht Sinn weiterzumachen?

Unlängst hatte ich weiteres Material gesammelt. Diesmal in Form von Werbedisplays, die Allerorts im öffentlichen Raum Münchens installiert sind. Genauer gesagt handelt es sich hier um vormals transparente Abdeckungen, die vor Wind und Wetter schützen sollten.

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Detail

Besonders ertragreich in dieser Hinsicht war der Sommer 2015. Mitunter kam es mir vor, als erntete ich reife Früchte. Manche ließ ich auch noch eine Weile hängen und wartete den Reifeprozess ab. Unablässiger Sonnenschein mit hohem UV-Index führten schon nach kurzer Zeit zu erstaunlichen Verfärbungen. Ich hatte zudem Glück: Es schien sonst keiner Interesse daran zu haben. Allein bei meinen Erklärungsversuchen, warum ich so ein Stück “Müll” haben wollte, schlußfolgerte ich aus den Reaktionen, dass fast alle mich für einen kompletten Idioten halten mussten. Das war für mein Unterfangen recht hilfreich, denn als ich darauf den Vorschlag erwiderte, dass ich dafür den Neupreis bezahlen würde, verschwand zwar nicht der Eindruck, es handle sich bei mir um einen Idioten, aber es legte sich zumindest der Zweifel an den daraus entstehenden Vorteilen, die auf einmal ganz klar auf der Hand lagen. So oder so: Eine Win-win Situation für beide Seiten!

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ohne Titel, 2016, Foto: S. Gänsheimer

Damit könnten alle zufrieden sein. Die Sonne hat gute Arbeit geleistet! Ich habe gute Arbeit geleistet! Das Lenbachhaus hat sehr gute Arbeit geleistet! Aber der Hersteller dieser Abdeckungen hat die beste Arbeit geleistet, denn nur durch den fehlenden UV-Schutz konnte die Arbeit so gut gedeihen! Dem bewährten Prinzip der geplanten Obsoleszenz sei Dank. Damit sind jene Sollbruchstellen gemeint, die die Lebensdauer von Produkten verringern.

Eine Glühbirne, die seit 110 Jahre ihren Dienst tun soll, brennt in der Feuerwehrwache im kalifornischen Livermore, USA, (Undatiertes Handout). Sie hat es ins Guinness Buch der Rekorde und auf Facebook geschafft. Schon vor dem Untergang der Titanic und dem schweren Beben in San Francisco trat sie ihren Dienst im kalifornischen Livermore an. Dort brennt sie seit 1901 - die langlebigste Glühbirne der Welt. Grund genug, um die Glühbirne an ihrem Geburtstag hochleben zu lassen. Für die «Centennial Bulb», die Jahrhundertbirne, die in der Feuerwache Nr. 6 im kalifornischen Livermore hängt, richtet der Ort an diesem Samstag (18.06.2011) eine große Party aus. Achtung Redaktionen - Nur zur redaktionellen Verwendung bei vollständiger Nennung der Quelle: "Foto: Feuerwehr Livermore/Richard Jones" +++(c) dpa - Bildfunk+++
Centennial Bulb                                                                              Foto: Feuerwehr Livermore/Richard Jones

Die Centennial Bulb zB. brennt seit 110 Jahren. Sie markiert jene Zeit, in der Hersteller die geplante Obsoleszenz erfanden. Seither gilt Wachstum als der heilige Gral unserer Ökonomie. Der Kapitalismus hat sich mit der geplanten Obsolezenz einen eigenen Wachstumsgenrator geschaffen. Darauf folgend ist ein Arbeitsmarkt entstanden, der die Menschen in  Abhängigkeitsverhältnisse geführt hat, aus denen sie nicht so einfach, weil alternativlos, ausbrechen können. Aber solange die Sonne so schön über uns scheinen kann, wie im Sommer 2015, können wir zumindest im Rahmen unseres Urlaubsanspruchs, es mit der Gleichgültigkeit der Sonne aufnehmen und mit ihr auf- und  untergehen. Je nach dem.

 

2016_favoriten3lenbachplatz_002_noltecDie Sonne von einst war runder, 2016, Billboard Installation, Lenbachpatz, Foto: S. Gänsheimer

 

cof

Vom Feinen zum Groben (Teil 1)

 

 

Vom Feinen zum Groben (Teil 1)

cof

Zurück aus Japan! Zurück zu alldem, was liegenbleiben musste. Was tut der Mensch wenn er Ordnung in seine Gedanken bringen will? Richtig! Aufräumen, das Unwesentliche vom Wesentlichen trennen und die Hoffnung dabei nicht verlieren, dass sich diese Handlung auf die eigenen neuronalen Prozesse und deren identitätsstiftende Auswirkungen überträgt. Damit bildet dieser Haufen den feinstofflichen Einstieg in meinen Blog. Mir kam die Idee, als ich mir dieses Bild mehr oder weniger unbewusst zusammengekehrt hatte und mich gleichzeitig dieser Blog beschäftigte.

Was wir sehen blickt uns an, heißt ein Buch von Didi Hubermann. Weil Hubermanns These ohne meine Erläuterungen zu dem, was ihr auf dem Foto sehen könnt, nur auf eine Privatwelt und damit Idiotie hinauslaufen würde, möchte ich hier ein paar Dinge daraus beschreiben.

Rötlicher Staub

Beim Bohren tiefer Löcher in die Backsteinwand entstanden. Für eine stabile Leiste auf die ich schwere Fenster stellte um daraus Kunst zu machen. Die Fenster hatte ich von Glas Arnold in Fürstenfeldbruck gesponsert bekommen. Auch an dieser Stelle: Vielen Dank!

Die Ausstellung lief unter dem Titel Follow in der Galerie Karin Wimmer. Da ging es um die Umkehrung von den Begriffen Privat und Öffentlich anhand von Fotos, auf denen schlafende Kinder abgebildet sind. Das Bildmaterial kann man sich auf www.flickr.com, einer Online Fotocomunity, downloaden. Die Fenster, die ich vor den Ausdrucken installierte, sind mit einem Strukturglas ausgestattet. Diese Struktur erzeugt eine pixelartige Brechung, mit der das private Leben vor der Öffentlichkeit visuell verschleiert wird.

img_5865_klein             awww! #1, 2016, (Online seit 2013), 1904 Aufrufe

Jeder, der mal sein eigenes Kind beim Schlafen fotografiert hat, weiß, dass solche Bilder eigentlich keinen Platz in der anonymen Öffentlichkeit haben sollten. In den Metatags der Internetseite kann man sehen, dass häufig der Moment der Aufnahme auch mit dem Moment zusammenfällt, in dem das Bild automatisch, weil vom User so voreingestellt, ins Internet hochgeladen und veröffentlicht wird. Mit Download Option in High Resolution Quality!

10v0388aHirtenknabe, 1860, F. v. Lenbach

Den Kunstdruck besitze ich schon lange. Nun gesellt sich eine Prinzessin hinzu. Denn mit dem Staub könnte ich rote Zahlen schreiben. Die Reaktionen auf die Arbeit waren zwiespältig. Die Ästhetik war der Wahnsinn, wirklich! Sobald man aber Kinder zum Thema in der Kunst macht, schrillen sofort die Alarmglocken und die Angst frisst wieder Seelen auf. Wie man sich vorstellen kann, hätte ich eine ganze Reihe von privaten Ausstülpungen ins Netz aufgreifen können. Von Spaghetti Cabonara Gesichtern bis zur Kleintierzucht. Essentiell wird es aber an anderer Stelle. Ob es F.v.Lenbach auch so gegangen ist?

 

Mehr Bilder zu der Ausstellung findet ihr, wenn ihr euch traut das Bild anzuklicken.

img_5838_kleinperfect, 2016, (online seit 2011), 587 Aufrufe

 

Gelber Staub

Das ist das aktuellste Material hier im Atelier. Bestehend aus feinem Pressspanholzstaub, der bei Schleifarbeiten für einen Sockel angefallen ist und den ich Deborah Schamoni gebracht habe, um ihn für die ArtFair in Paris zu verpacken. Auch das gehört zum Berufsbild des Künstlers: Es gibt keins.

cof

 

Braunes Pulver:

Kaffee!!!

Desweiteren:

Eine immerhin abgearbeitete To do Liste, ein rosa Zettel von meiner Tochter Yara (die hat auch das abgebildete Auge aus einer Modezeitschrift ausgeschnitten und damit Zyklop gespielt, sehr lustig!!).

To do now: Das Zyklopen Auge unbedingt wieder aus dem Müll fischen!